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Berufung bei Absehen von Strafe: Keine Hürde für die Anfechtung

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Ein Angeklagter legte Berufung bei Absehen von Strafe ein, obwohl er schuldig gesprochen wurde und keine Sanktion drohte. Das Landgericht verwarf das Rechtsmittel, indem es eine neue Hürde analog schuf; nun muss geklärt werden, ob Gerichte solche Prozessregeln selbst erfinden dürfen. Zum vorliegenden Urteil Az.: 4 Ws 7/24 | | Kontakt

Das Wichtigste in Kürze

  • Gericht: Kammergericht Berlin
  • Datum: 29.02.2024
  • Aktenzeichen: 4 Ws 7/24 – 161 AR 6/24
  • Verfahren: sofortige Beschwerde
  • Rechtsbereiche: Strafprozessrecht, Strafrecht, Verfassungsrecht

  • Das Problem: Ein Angeklagter legte Berufung gegen einen Schuldspruch ein, bei dem das Gericht von einer Bestrafung abgesehen hatte. Das Landgericht verwarf diese Berufung als unzulässig. Es war der Meinung, die Berufung hätte vorher zugelassen werden müssen, wie es bei sehr geringen Strafen üblich ist.
  • Die Rechtsfrage: Darf ein Gericht eine Regelung, die Berufungen in Bagatellfällen einschränkt, auf Fälle ausweiten, in denen lediglich von einer Strafe abgesehen wurde? Oder muss in solchen Fällen eine Berufung ohne diese Hürde möglich sein?
  • Die Antwort: Nein. Die Regelung zur eingeschränkten Zulässigkeit darf nicht auf das Absehen von Strafe ausgeweitet werden. Dies widerspricht dem Grundsatz, dass die Bedingungen für Rechtsmittel im Gesetz klar geregelt sein müssen. Zudem liegt keine Gesetzeslücke vor, die eine solche Ausweitung rechtfertigen würde.
  • Die Bedeutung: Angeklagte können ihre Berufung direkt einlegen, wenn ein Gericht zwar eine Schuld feststellt, aber von einer Strafe absieht. Die Gerichte dürfen die Hürden für Rechtsmittel nicht durch eigene Auslegung erhöhen, um sich von weniger wichtigen Fällen zu entlasten.

Der Fall vor Gericht


Berufung bei Absehen von Strafe: Darf ein Gericht das Gesetz erweitern?

Ein Schuldspruch, aber keine Strafe. Für eine Angeklagte klang die Entscheidung des Amtsgerichts nach einem glimpflichen Ausgang. Doch sie wollte den Freispruch und legte Berufung ein – ein ganz normaler Vorgang. Die nächste Instanz aber schloss die Tür sofort wieder. Die Berufung sei unzulässig, eine Hürde übersehen. Es entspann sich ein Streit, der tief in das Maschinenhaus des Prozessrechts führte und an einer fundamentalen Frage rüttelte: Darf ein Gericht das Gesetz weiterdenken, als es geschrieben steht, und damit den Weg zu einer höheren Instanz versperren?

Weshalb blockierte das Landgericht die Berufung der Frau?

Das Amtsgericht Tiergarten hatte die Frau wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen schuldig gesprochen. Wegen geringer Schuld sah es aber von einer Strafe ab, eine Möglichkeit, die das Gesetz in § 86a Absatz 3 des Strafgesetzbuches (StGB) vorsieht. Die Angeklagte akzeptierte den Schuldspruch nicht und legte Berufung ein. Das Landgericht Berlin verwarf diese Berufung als unzulässig. Es warf der Angeklagten keinen Formfehler vor. Stattdessen baute es eine juristische Hürde auf. Die Richter am Landgericht stützten sich auf eine Vorschrift der Strafprozessordnung, den § 313 StPO. Dieser Paragraph soll die Berufungsgerichte entlasten. Er legt fest, dass bei Urteilen mit nur geringfügigen Strafen – etwa einer kleinen Geldstrafe – die Berufung einer besonderen Annahme bedarf. Das Gericht prüft dann nur, ob es überhaupt gute Gründe für eine neue Verhandlung gibt. Die Entscheidung des Amtsgerichts, von einer Strafe abzusehen, taucht in der Liste des § 313 StPO allerdings nicht auf….


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